Narben

Narbenpflege nach einer Operation: was in welcher Phase hilft

Nach einer Operation bekommen die meisten Menschen einen Termin zur Fadenentfernung, aber keine Anleitung zur Narbenpflege. Dabei verändert sich eine Narbe in den ersten Monaten am stärksten, und in dieser Zeit fallen die Entscheidungen zur Pflege. Die sinnvollen Maßnahmen sind unspektakulär und kosten wenig Zeit.

Das Wichtigste in Kürze

  • Narbenreifung dauert lange: Die Bildung einer Narbe ist erst nach ungefähr zwei Jahren abgeschlossen.
  • Silikon und Kompression sind eine Leitlinienempfehlung bei schwacher Evidenz: Cochrane stuft die zugrunde liegenden Studien als schwach bis sehr unsicher ein.
  • Kompression verlangt Ausdauer: Der Druck soll möglichst ganztägig anliegen, die Behandlung dauert sechs Monate bis zwei Jahre.
  • Eine Narbensalbe ersetzt nichts: Für Feuchthaltemittel sind die Studienergebnisse widersprüchlich.
  • Sonnenschutz ist Pflicht: Narbengewebe enthält kaum Pigment und damit kaum eigenen Schutz gegen UV-Strahlung.
  • Ein verändertes Empfinden ist häufig: Taubheit und Kribbeln sind bekannt, anhaltende Ausfälle gehören ärztlich abgeklärt.
  • Therapie braucht eine Verordnung: Ergotherapie erfolgt auf ärztliche Anordnung, sinnvoll wird sie, sobald die Narbe den Alltag einschränkt.
Inhaltsverzeichnis

In der Praxis höre ich eine Frage besonders oft: Was soll ich mit der Narbe machen, und ab wann? Eine Antwort darauf bekommen Patientinnen und Patienten selten mit nach Hause. Der folgende Überblick ordnet die Maßnahmen der Narbenpflege nach Heilungsphase, benennt bei jeder, wie gut sie belegt ist, und sagt, wo die Grenzen liegen. Wie eine Narbe konkret bearbeitet wird, steht in meiner Anleitung zum Massieren einer Narbe.

Wie eine Narbe reift: von rot und derb zu blass und weich

Eine frische Wunde schließt sich zunächst mit provisorischem Gewebe. Dann wachsen Kollagenfasern ein, die Blutzufuhr ist erhöht, und die junge Narbe ist rot und erhaben. Später zieht sich das Bindegewebe zusammen, die Durchblutung geht zurück, die Narbe sinkt ein und wird weicher und blasser. Nach ungefähr zwei Jahren ist die Bildung der Narbe abgeschlossen.

Deshalb braucht Pflege Geduld. Narbengewebe bleibt weniger elastisch als die umgebende Haut und enthält kaum Pigmentzellen. An Stellen mit erhöhter Hautspannung, etwa an Gelenken, bilden sich verstärkt Narben.

PhaseWas im Gewebe passiertWas in dieser Zeit zählt
WundheilungDie Wunde schließt sich, die Haut ist nicht belastbarVersorgung nach ärztlicher Anweisung, Zug und Reibung vermeiden, nichts einmassieren
AufbauKollagen wächst ein, die Narbe ist rot und derbSilikon, bei geeigneter Narbe Kompression, Sonnenschutz, sanftes Eincremen
ReifungDas Gewebe zieht sich zusammen, die Narbe wird blasserGeschmeidigkeit erhalten, Beweglichkeit beobachten, bei Einschränkung Therapie

Silikon und Kompression: Leitlinienempfehlung bei dünner Studienlage

Die deutsche S2k-Leitlinie zur Therapie pathologischer Narben (AWMF 013-030, Stand 24.04.2025) empfiehlt bei geeigneter Lokalisation eine Druckbehandlung mit 20 bis 30 mmHg, also etwa Kompressionsklasse II, möglichst ganztägig und möglichst früh, sobald die Wunde verschlossen ist. Steht die Narbe unter Zug, soll sie länger entlastet werden, etwa durch Klammerpflaster, Silikonplatten oder Kompression. Das Gesundheitsportal des Sozialministeriums nennt dafür sechs Monate bis zwei Jahre.

So klar die Empfehlung klingt, so vorsichtig fällt die Studienlage aus.

  • Silikon: Ein Cochrane-Review von 2013 wertete 20 Studien mit 873 Personen von 1,5 bis 81 Jahren aus. Bei Risikopersonen senkte Silikongel-Folie das Risiko für eine wuchernde Narbe gegenüber keiner Behandlung (relatives Risiko 0,46; 95 % Konfidenzintervall 0,21 bis 0,98). Die Autoren nennen die Evidenz selbst schwach, weil die Studien hochgradig verzerrungsanfällig waren.
  • Kompression: Ein Cochrane-Review von 2024 fasste 15 Studien mit 1.179 Teilnehmenden zur Kompressionsversorgung nach Verbrennungen zusammen. Für alle Vergleiche stuften die Autoren die Evidenz als sehr unsicher ein, eine Metaanalyse war wegen der Unterschiede zwischen den Studien nicht möglich. Ihr Schluss: Die Evidenz reicht nicht aus, um eine Kompressionsversorgung oder eine Alternative zu empfehlen, entscheiden solle die Vorliebe der behandelten Person. Die Nachbeobachtung der Studien war zudem kurz, ein voller Effekt wäre erst nach etwa 18 Monaten zu erwarten.

Meine Konsequenz: Silikon zuerst, weil es einfach anzuwenden, verträglich und überschaubar teuer ist. Kompression dann, wenn die Narbe großflächig ist, und in Abstimmung mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt.

Was eine Narbensalbe leistet und was nicht

Narbensalbe ist kein einheitliches Produkt. Manche Präparate sind im Kern Silikonzubereitungen, andere fetthaltige Pflegecremes, und der Preis sagt nach meiner Erfahrung wenig über den Unterschied. Ein systematischer Review von 2016 über 22 Arbeiten zu Verbrennungsnarben führt Kompression und Silikon als evidenzbasierte Verfahren, kommt bei Feuchthaltemitteln dagegen zu widersprüchlichen Befunden. Auch das Gesundheitsportal bleibt zurückhaltend: Ob Silikon die Narbenentwicklung beeinflusst, sei wissenschaftlich nicht eindeutig belegt.

Die Leitlinie empfiehlt trotzdem, externe Wirkstoffe mehrfach täglich aufzutragen, am besten mit einer leichten Massage des Narbengewebes, und bei verhärteten älteren Narben eine Anwendung unter Okklusion zu erwägen, also unter einer Folie. Aus meiner Sicht steckt der Nutzen deshalb weniger im Produkt als in der Routine, die es auslöst. Beginnen Sie erst, wenn die Wunde geschlossen und die Fäden entfernt sind.

Sonnenschutz: der am häufigsten übersehene Teil der Narbenpflege

Eine Narbe enthält kaum Melanozyten, also kaum jene Zellen, die den Hautfarbstoff bilden. Der natürliche Schutz gegen UV-Strahlung fehlt ihr deshalb weitgehend. Das öffentliche Gesundheitsportal rät deshalb, die Narbe mit Kleidung zu bedecken oder ein Sonnenschutzmittel aufzutragen, besonders in den ersten drei Monaten nach Narbenbildung, und nennt guten Sonnenschutz als Beitrag dazu, auffälligen Narben vorzubeugen.

Im Alltag ist Kleidung zuverlässiger als Creme, weil das Nachcremen vergessen wird. Bei Narben an Hand, Unterarm und Nacken hilft ein langärmeliges Oberteil mehr als ein guter Vorsatz.

Wenn die Narbe taub ist oder kribbelt

Ein verändertes Empfinden gehört zu den bekannten Begleiterscheinungen einer Narbe. Das Gesundheitsportal nennt Störungen der Sensibilität, Schmerzen, Juckreiz und Spannungsgefühle, bei auffälligen Narben zusätzlich ein beeinträchtigtes Empfinden für Temperatur, Schmerz und Tastsinn. Wer ein Taubheitsgefühl an der Narbe bemerkt, beschreibt damit nichts Ungewöhnliches.

Was im Einzelfall dahintersteckt, klärt die ärztliche Untersuchung. Neu auftretende Taubheit, nachlassende Kraft und ausstrahlende Beschwerden gehören abgeklärt, bevor jemand an der Narbe arbeitet. Welche Zusammenhänge sonst eine Rolle spielen, beschreibe ich auf der Seite zu anhaltenden Beschwerden an einer Narbe.

In der Behandlung arbeite ich bei verändertem Empfinden mit abgestuften Reizen, also verschiedenen Materialien und Temperaturen, und mit Übungen, die Hand und Arm wieder in den Alltag einbinden. Ob das Empfinden zurückkommt, lässt sich nicht vorhersagen.

Ab wann eine ergotherapeutische Narbenbehandlung sinnvoll ist

Unter den Stellen, an denen Narbenbehandlung stattfindet, nennt das Gesundheitsportal ausdrücklich die Ergotherapie. Ergotherapie erfolgt auf ärztliche Anordnung, die Verordnung stellt die Ärztin oder der Arzt aus. Was der Beruf im Kern macht, steht in meinem Beitrag was Ergotherapie ist.

Sinnvoll wird eine Behandlung, wenn die Narbe mehr tut als auffallen:

  • Sie schränkt Bewegung ein: Die Narbe zieht über einem Gelenk, das sich nicht mehr voll strecken oder beugen lässt.
  • Sie stört im Alltag: Greifen, Anziehen oder Werkzeug halten geht nicht wie vorher.
  • Sie bleibt hart und empfindlich: Die Narbe verhärtet, schmerzt bei Druck oder juckt anhaltend.
  • Das Empfinden ist verändert: Taubheit, Kribbeln oder eine Überempfindlichkeit, die Kleidung unangenehm macht.

Die Forschung dazu ist überschaubar und uneinheitlich. Eine randomisierte Studie von 2023 mit 108 Frauen nach Brustoperation prüfte eine apparative mechanische Narbenbehandlung mit einem Saug-Rollen-Gerät, zwölf angeleitete Sitzungen in sechs Wochen zusätzlich zu Übungen. Drei Endpunkte fielen besser aus als unter der üblichen Behandlung allein: Narbenbild, Arm- und Handfunktion und das funktionelle Wohlbefinden. Die übrigen Messwerte unterschieden sich nicht, verblindet waren nur die Bewertenden, und über eine Behandlung von Hand sagt die Studie nichts.

Eine kleinere doppelblinde Studie von 2025 mit 44 Personen prüfte genau das und fand keinen Unterschied zwischen einer Narbenmobilisation von Hand und einer Placeboberührung an einer anderen Körperstelle. Gemessen wurde dort allerdings Rückenschmerz bei Bauchnarben, nicht die Narbe selbst.

Was Narbenbehandlung nicht leistet, sage ich dazu: Eine Narbe verschwindet nicht, und Beschwerden an anderen Körperstellen lassen sich damit nicht auflösen. Das Ziel ist konkreter. Weniger Zug, mehr Geschmeidigkeit, wieder die Bewegung, die der Alltag braucht. Das gilt für Narben jeder Art, unabhängig von Ort und Alter.

Häufige Fragen zur Narbenpflege

Ab wann darf ich eine Narbe nach einer OP pflegen?

Erst wenn die Wunde vollständig geschlossen ist und die Fäden entfernt sind. Vorher gilt die Anweisung aus dem Krankenhaus oder der Ordination. Die Leitlinie empfiehlt, mit der Druckbehandlung möglichst früh zu beginnen, sobald die Wunde verschlossen ist. Wann das so weit ist, beurteilt die Ärztin oder der Arzt.

Wie lange soll ich eine Narbe pflegen?

Länger, als die meisten erwarten. Die Bildung einer Narbe ist erst nach ungefähr zwei Jahren abgeschlossen, für die Druckbehandlung nennt das Gesundheitsportal sechs Monate bis zwei Jahre. Cochrane hält die Evidenz zur Kompression für unzureichend und merkt zugleich an, dass die Studien nur kurz nachbeobachtet haben: Ein voller Effekt wäre erst nach etwa 18 Monaten zu erwarten. Wenige Wochen sind in jedem Fall zu kurz.

Lohnt sich eine Behandlung bei einer alten Narbe noch?

Pauschal lässt sich das nicht beantworten, eine Zusage wäre unseriös. Die Leitlinie sieht für verhärtete, ältere Narben ausdrücklich Anwendungen unter Okklusion vor. In der Praxis geht es bei alten Narben meist um Beweglichkeit und Empfinden, nicht um das Aussehen. Ob eine Behandlung sinnvoll ist, klärt die ärztliche Untersuchung.

Narbenbehandlung in Eisenstadt und im Nordburgenland

Meine Praxis liegt im Orthopädischen Gesundheitszentrum in der Rusterstraße 82a in Eisenstadt. Zu mir kommen Erwachsene aus Eisenstadt und Eisenstadt-Umgebung sowie aus den Bezirken Mattersburg, Neusiedl am See und Oberpullendorf, häufig nach einer Operation an Hand, Arm oder Schulter, oft mit Narben an anderen Stellen. Für eine ergotherapeutische Behandlung brauchen Sie eine ärztliche Verordnung. Ob Ihre Narbe dafür infrage kommt, klären wir am besten persönlich: Termin vereinbaren.

Studien und Quellen

  1. Gesundheitsportal Österreich (Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz) (2023). Narben und Narbenbehandlung. gesundheit.gv.at. Gesundheitsinformation
  2. Deutsche Dermatologische Gesellschaft (2025). Therapie pathologischer Narben (hypertrophe Narben und Keloide), AWMF 013-030. AWMF-Leitlinienregister. S2k-Leitlinie
  3. O'Brien L, Jones DJ (2013). Silicone gel sheeting for preventing and treating hypertrophic and keloid scars. Cochrane Database of Systematic Reviews. Cochrane-Review, 20 Studien, 873 Personen
  4. Harris IM et al. (2024). Pressure-garment therapy for preventing hypertrophic scarring after burn injury. Cochrane Database of Systematic Reviews. Cochrane-Review, 15 Studien, 1179 Teilnehmende, Evidenz unzureichend für eine Empfehlung
  5. Anthonissen M, Daly D, Janssens T, Van den Kerckhove E (2016). The effects of conservative treatments on burn scars: A systematic review. Burns. Systematischer Review, 22 Arbeiten
  6. Leung AKP et al. (2023). Effects of mechanical stimulation on mastectomy scars within 2 months of surgery. Annals of Physical and Rehabilitation Medicine. Randomisierte kontrollierte Studie, n = 108, apparative mechanische Stimulation
  7. Makita DK et al. (2025). The effect of manual therapy on abdominal scars in patients with nonspecific chronic low back pain. Journal of Bodywork and Movement Therapies. Doppelblinde randomisierte kontrollierte Studie, n = 44
Porträtfoto von Sanaya Harrison
Sanaya Harrison, B.Sc.
Ergotherapeutin, Schwerpunkt Orthopädie

Sanaya Harrison ist Ergotherapeutin (Studienabschluss 2019) und auf Orthopädie spezialisiert. Sie absolviert berufsbegleitend eine Osteopathie-Ausbildung. In ihrer Privatpraxis in Eisenstadt unterstützt sie ihre Patienten dabei, Schmerzen zu lindern, Beweglichkeit zurückzugewinnen und mehr Selbstständigkeit im Alltag zu erreichen.