Am Knochen heilt eine Radiusfraktur meist unspektakulär. Arbeit macht danach das Gewebe drumherum: Gelenkkapsel, Sehnen, Muskeln und die Schwellung, die sich ihren Weg sucht. Wer nach der Ruhigstellung Beschwerden behält, sucht oft lange nach einer Erklärung, und die Übersicht, was hinter anhaltenden Handgelenkbeschwerden stecken kann, ordnet die häufigsten Auslöser ein. Ich beschreibe hier den typischen Ablauf, was Sie selbst tun können und wo die Forschung wenig hergibt.
Was bei einer Radiusfraktur passiert und wie sie versorgt wird
Wenn jemand sagt, er habe sich das Handgelenk gebrochen, ist fast immer die Speiche gemeint. Speiche heißt auf Lateinisch Radius, und weil der Bruch knapp oberhalb des Handgelenks sitzt, also körperfern, spricht die Medizin von der distalen Radiusfraktur. Typischer Hergang: Sturz auf die ausgestreckte oder abgeknickte Hand.
Die Leitlinie nennt sie die häufigste Fraktur des Menschen; nach den dort zitierten Bevölkerungsdaten nimmt die Häufigkeit mit dem Lebensalter zu. Für die Zeit nach der Versorgung ist ein anderer Satz wichtiger: Zu den Verlaufskontrollen gehören klinische und radiologische Untersuchungen, den Wert der radiologischen Verlaufskontrolle stellt die Leitlinie aber selbst infrage (Evidenzgrad Ia). Wird bei einem Termin nicht geröntgt, ist das also kein Versäumnis.
Ob konservativ im Gips oder operativ mit einer Platte versorgt wird, entscheidet die Unfallchirurgie nach der Stellung der Bruchstücke, der Gelenkbeteiligung und den Begleitverletzungen. Für Sie ändert diese Entscheidung vor allem eines: den Zeitpunkt, ab dem das Handgelenk wieder bewegt werden darf.
Der Verlauf nach Gips und nach Operation
Ein fixer Kalender existiert nicht, wohl aber Stationen.
| Phase | Was im Vordergrund steht | Worauf es ankommt |
|---|---|---|
| Erste Tage | Schwellung und Schmerz | Nach einer Einrichtung des Bruchs folgt innerhalb der ersten Woche eine Röntgenkontrolle |
| Ruhigstellung | Gips oder Schiene, ohne Operation laut Leitlinie länger als vier bis fünf Wochen | Schulter, Ellbogen und Finger bleiben in Bewegung. Physiotherapie während der Ruhigstellung hat auf das spätere Bewegungsausmaß keinen deutlichen Einfluss |
| Nach der Abnahme | Steifigkeit, wenig Greifkraft, ungewohntes Gefühl in der Hand | Zuerst Beweglichkeit zurückholen, danach Kraft aufbauen |
| Belastungsaufbau | Rückkehr in Beruf, Haushalt, Sport | Belastende Tätigkeiten erst, wenn der Knochen nachweislich durchbaut ist |
Nach einer Operation richtet sich der Bewegungsbeginn nicht nach dem Kalender. Die Leitlinie knüpft die Schienenruhigstellung ausdrücklich an die Art der Osteosynthese und die erreichte Stabilität; festgelegt wird das von der Operateurin oder dem Operateur. Kamen Bandverletzungen dazu, nennt die Leitlinie für die Immobilisierung nach der Operation acht Wochen. Ein früher Beginn der Physiotherapie scheint laut Leitlinie DASH-Score, Greifkraft und Schmerz günstig zu beeinflussen; nach einem Jahr war zwischen frühem und späterem Beginn kein Unterschied mehr messbar.
In der Praxis sehe ich häufiger zu viel Schonung als Übereifer: Die Hand wird nach der Gipsabnahme wochenlang gemieden, weil sie sich fremd anfühlt. Die Steifigkeit wächst dabei mit.
Schwellung, Beweglichkeit und Kraft im Alltag
Die Verhaltensanleitung in der Leitlinie ist kurz und konkret. Sie richtet sich an die Zeit im Gips, gilt sinngemäß aber auch danach weiter.
- Hoch lagern: Den Arm nicht herunterhängen lassen, nachts auf einem Kissen lagern.
- Kein Armtragetuch: Die Leitlinie rät ausdrücklich von einer Ruhigstellung der Schulter durch ein Tragetuch ab.
- Finger, Ellbogen, Schulter bewegen: Regelmäßige Bewegungsübungen der angrenzenden Gelenke gehören von Anfang an dazu.
- Die Hand benutzen: Leichte tägliche Verrichtungen mit der verletzten Hand sind erwünscht, nicht verboten.
- Nichts tun, was die Schwellung verstärkt: Langes Hängenlassen, Wärme auf das geschwollene Gelenk, ruckartige Belastung.
Diese frühen, selbst durchgeführten Bewegungsübungen sind nicht nur Zeitvertreib. Die Leitlinie führt sie als Faktor mit vorbeugendem Einfluss auf die Entstehung eines komplexen regionalen Schmerzsyndroms, kurz CRPS und früher Morbus Sudeck genannt.
Radiusfraktur Übungen: was die Forschung hergibt und was nicht
Zu diesem Thema steht im Netz viel Zuversichtliches. Die Daten geben deutlich weniger her.
Das Cochrane-Review zur Rehabilitation nach distaler Radiusfraktur wertete 26 Studien mit 1.269 überwiegend älteren Patientinnen und Patienten aus. Alle 23 untersuchten Vergleiche stuften die Autoren in der Evidenzsicherheit als niedrig oder sehr niedrig ein. Vier Studien zeigten keinen klinisch bedeutsamen Unterschied, wenn Physiotherapie oder Ergotherapie routinemäßig zusätzlich zu einer guten Anleitung für Heimübungen kam, verglichen mit der Anleitung allein. Zwei Studien sprachen nach einer Plattenosteosynthese für ein strukturiertes Heimübungsprogramm mit vorheriger Anleitung. Passive Mobilisation, Eis, Magnetfeldtherapie, Wirbelbad und dynamische Schienen brachten gegenüber keiner Behandlung keine klinisch bedeutsamen Unterschiede. Die Evidenz reiche nicht aus, um die Verfahren gegeneinander zu bewerten (Handoll und Elliott 2015, Cochrane).
Die Leitlinie kommt zum selben Schluss: Es gebe keine Evidenz dafür, ob Physiotherapie mit oder ohne Ergotherapie ein besseres Ergebnis bringt als angeleitetes Selbsttraining, und randomisierte Studien bevorzugten bisher keine bestimmte Rehabilitationsmaßnahme (AWMF-Leitlinie 187-019, Distale Radiusfraktur). Zur Einordnung: Diese Leitlinie trägt den Stand 01.03.2021, ihre Gültigkeit ist Ende Februar 2026 abgelaufen, sie wird derzeit überarbeitet.
Befunde in die andere Richtung stehen ebenfalls im Review, alle mit sehr niedriger Evidenzsicherheit und aus Einzelstudien mit zweistelligen Teilnehmerzahlen: bessere Handfunktion durch Handtherapie gegenüber reinen Instruktionen (17 Teilnehmende), kurzfristig bessere Handfunktion durch frühe Ergotherapie, die nach drei Monaten nicht mehr nachweisbar war (40 Teilnehmende), und ein Vorteil einer einzelnen physiotherapeutischen Einheit mit Beratung und Anleitung zu Heimübungen gegenüber keiner Maßnahme nach der Gipsabnahme (47 Teilnehmende).
Daraus folgt nicht, dass Übungen nutzlos wären. Es folgt, dass die Anleitung und das eigene, regelmäßige Üben den Kern der Nachbehandlung ausmachen und dass sich kein Verfahren und kein Gerät als belegt überlegen darstellen lässt.
Ergotherapie nach einer Radiusfraktur: Ablauf und Verordnung
Ergotherapie erfolgt auf ärztliche Anordnung. Die Verordnung stellt Ihre Ärztin oder Ihr Arzt aus, meist bei einer Kontrolle nach der Gipsabnahme oder nach der Operation. Wofür Ergotherapie bei Erwachsenen da ist, steht in einem eigenen Beitrag.
Eine Einheit beginnt bei mir mit einem Befund: Bewegungsausmaß im Handgelenk und in den Fingern, Umfangmaße bei Schwellung, Greifkraft, dazu die Frage, welche Alltagsbewegung gerade nicht funktioniert. Daraus wird ein tägliches Übungsprogramm für zu Hause, dazu Schwellungsmanagement, Alltagstraining und, wenn nötig, eine angepasste Schiene. Nach einer Operation gehört die Narbe dazu; worauf es dabei ankommt, steht unter wie eine frische Operationsnarbe versorgt wird.
Die Grenzen sage ich gleich dazu: Therapie beschleunigt die knöcherne Heilung nicht, sie korrigiert keine in Fehlstellung verheilte Fraktur und sie ersetzt die ärztliche Verlaufskontrolle nicht. Was sie leisten kann, ist Anleitung, Korrektur der Übungsausführung und ein Aufbau, der zu Ihrem Alltag passt.
Warnzeichen für die ärztliche Abklärung
Die Leitlinie markiert den Punkt, an dem die Selbstbeobachtung endet: Bei anhaltenden oder zunehmenden Schmerzen und bei Gefühlsstörungen gehört die Patientin oder der Patient sofort ärztlich vorgestellt. Dahinter kann ein zu enger Verband stecken oder eine Druckschädigung von Nerven.
Ein zweiter Punkt ist das komplexe regionale Schmerzsyndrom. Seine typischen Zeichen früh zu erkennen, zählt laut Leitlinie zu den Aufgaben der Verlaufskontrollen. Eine Untersuchung aus Südkorea fand nach Osteosynthese eine Häufigkeit von 0,64 Prozent; als begünstigende Faktoren nennt die Leitlinie weibliches Geschlecht, Hochenergietrauma, schwere Verletzung und Trümmerfraktur. Ob im Einzelfall etwas davon zutrifft, klärt die ärztliche Untersuchung, nicht ein Text im Internet und nicht ich in der Praxis.
Lassen Sie Ihr Handgelenk kontrollieren, wenn Schmerzen zunehmen statt abzunehmen, wenn Finger taub werden oder kribbeln, wenn die Schwellung stark zunimmt oder wenn sich Haut, Temperatur oder Schweißbildung an der Hand auffällig verändern.
Häufige Fragen zur Nachbehandlung nach einer Radiusfraktur
Wie lange bleibt das Handgelenk nach dem Gips steif?
Dafür gibt es keine belastbare Durchschnittszahl. Die Leitlinie legt nur die Ruhigstellung selbst fest, ohne Operation mehr als vier bis fünf Wochen. Wie schnell die Beweglichkeit zurückkommt, hängt vom Bruch, vom Alter, von Begleitverletzungen und davon ab, wie konsequent geübt wird. Jede Zahl, die Ihnen als Durchschnitt genannt wird, ist eine Schätzung.
Wann darf ich wieder schwer heben und tragen?
Die Leitlinie zieht die Grenze nicht am Kalender, sondern am Befund: Belastende Tätigkeiten erst, wenn die knöcherne Durchbauung dokumentiert ist. Das klärt die ärztliche Kontrolle mit klinischer Untersuchung und Röntgenbild. Bis dahin sind leichte Alltagsverrichtungen mit der Hand ausdrücklich erwünscht.
Brauche ich nach einer Radiusfraktur überhaupt Therapie?
Nicht zwingend. Das Cochrane-Review fand keinen klinisch bedeutsamen Vorteil, wenn Therapie routinemäßig zu einer guten Anleitung für Heimübungen dazukam. Sinnvoll wird sie, wenn das eigene Üben nicht greift, wenn Beweglichkeit oder Greifkraft deutlich zurückbleiben oder wenn die Hand im Alltag ausweicht. Die Entscheidung trifft Ihre Ärztin oder Ihr Arzt.
Was ist Morbus Sudeck?
Morbus Sudeck ist die ältere Bezeichnung für das komplexe regionale Schmerzsyndrom, heute meist CRPS abgekürzt. Typisch sind Schmerzen, Schwellung und Veränderungen von Haut, Temperatur und Schweißbildung, die über das erwartbare Maß hinausgehen. Die Diagnose stellt ärztliches Fachpersonal. Bemerken Sie solche Veränderungen, melden Sie sich zeitnah.
Ergotherapie in Eisenstadt und Umgebung
Meine Praxis liegt im Orthopädischen Gesundheitszentrum in der Rusterstraße 82a in Eisenstadt. Zu mir kommen Erwachsene aus Eisenstadt und Eisenstadt-Umgebung sowie aus den Bezirken Mattersburg, Neusiedl am See und Oberpullendorf, viele mit einer Verordnung in der Hand. Ergotherapie erfolgt auf ärztliche Anordnung, die Verordnung bekommen Sie bei der Kontrolle. Wenn Ihr Handgelenk nach der Ruhigstellung nicht mitkommt, können Sie hier einen Termin vereinbaren.